Gutenberg Digital

Wie wirkt sich die Digitalisierung auf die Medienlandschaft aus? Welche Möglichkeiten eröffnet sie und welche Perspektiven gibt es für den Medienstandort Mainz? Diese Fragen standen am 30. April 2014 im Zentrum der Auftaktveranstaltung zur Reihe „Kreative Stadt“.
Zu Beginn der Veranstaltung im Studio D des SWR-Landesfunkhauses Mainz zeigte SWR-Landessendedirektorin und Gastgeberin Dr. Simone Schelberg auf, wie stark die Digitalisierung die Art und Weise der Berichterstattung beeinflusst. Die Grenzen zwischen klassischem Print-, Hörfunk-, TV- und Online-Journalismus lösen sich auf. Dieser Entwicklung trägt das trimediale Volontariat des SWR Rechnung, mit dem junge Journalisten in den Bereichen TV, Hörfunk und Online ausgebildet werden. Auch die Kollegen der einzelnen Sparten lernen voneinander und denken so nicht mehr länger nur in den klassischen Kategorien „TV“, „Hörfunk“ oder „Print“. Als eine der entscheidendsten Folgen der Digitalisierung stellte Dr. Simone Schelberg eine zunehmende Geschwindigkeit in der Erstellung von Beiträgen heraus.

Dr. Simone Schelberg, Landessendedirektorin des SWR

Wo früher Bänder von A nach B transportiert, Beiträge überspielt und geschnitten werden mussten, reicht heute ein Upload der Datei auf den Server. Diese Entwicklung begünstige jedoch auch einen Wettlauf um Aktualität, unter der die Qualität der Berichterstattung in keinem Fall leiden dürfe. Das sei einer der zentralen Herausforderungen.

Begrüßungsrede Frau Dr. Simone Schelberg

Obwohl Gutenbergs Wirken vor über 600 Jahren im Kontext der Digitalisierung nicht mehr ganz zeitgemäß wirkt, sei seine Leitidee, Wissen für alle zugänglich zu machen, heute aktueller denn je, führte Prof. Dr. Stephan Füssel vom Gutenberg-Lehrstuhl der Uni Mainz aus.

Prof. Dr. Stephan Füssel vom Gutenberg-Lehrstuhl der Uni Mainz

Diese Idee sei eine Chance zur Vermarktung des Medienstandorts Mainz, aber auch eine  Verpflichtung zugleich. Eine Verpflichtung für die Medienschaffenden einerseits, in die Zukunft zu denken und die Bedeutung des Standortes Mainz als Startpunkt der Massenmedien relevant zu halten. Aber auch eine Verpflichtung für die Politik, Medien und damit Wissen für alle zugänglich zu machen, auch über finanzielle und technische Hürden hinaus, und bereits bei Kindern mit einer umfassenden Medienerziehung anzusetzen.

In einem anschließenden Gespräch mit Jacqueline Kraege, Chefin der Staatskanzlei Rheinland-Pfalz, vertiefte Prof. Dr. Stephan Füssel die Bedeutung Gutenbergs für die Stadt Mainz. Mit dem geplanten Medienhaus als Forschungs- und Kommunikationszentrum auf dem Campus der Universität und damit der Vernetzung der Hochschulen werde nun eine Grundlage geschaffen, um Gutenbergs Erbe in die Zukunft zu tragen. Jacqueline Kraege versicherte darüber hinaus, dass die Landesregierung bereits vorhandene Aktivitäten der IT- und Medienbranche sowie Medienkompetenznetzwerke, Gründerzentren und Hochschulinitiativen auch weiter fördern werde. Die Digitalisierung sorge für eine Revolution der Verbreitungswege. Doch diese Revolution dürfe nicht unkontrolliert vonstattengehen. Vielmehr sei es Aufgabe der Politik Spielregeln, Normen und Rahmenbedingungen zu schaffen, innerhalb derer sich die Digitalisierung bewegen soll, stellte Jacqueline Kraege heraus.

Jacqueline Kraege im Zwiegespräch mit Prof. Dr. Stephan Füssel (rechts), moderiert von Prof. Dr. Thomas Leif

Valentina Kerst, Leiterin des rheinland-pfälzischen Landesrates für digitale Entwicklung und Kultur, benannte zentrale Voraussetzungen, die eine Stadt braucht, um den Sprung ins digitale Zeitalter erfolgreich zu meistern: Besonders wichtig sei eine gut vernetzte Gemeinschaft der Medienschaffenden untereinander, um einen kontinuierlichen Austausch zu befördern. Sie appellierte auch an die Hochschulen, das interdisziplinäre Arbeiten stärker auszubauen und den Studenten Raum für die Entwicklung eigener Ideen zu lassen. Darüber hinaus brauche es einen Wegweiser in die digitale Zukunft. Dies sei am Beispiel der Internetstadt Köln etwa der Oberbürgermeister gewesen. Er setzt Ziele fest, koordiniert deren Umsetzung und, ganz wichtig, kommuniziert Erreichtes wirkungsvoll nach außen. Nur so kann es gelingen, den Medienstandort Mainz als Leuchtturm zu etablieren.

In der anschließenden Diskussion stellte Prof. Dr. Heinz-Werner Nienstedt vom Lehrstuhl für Medienwirtschaft der Uni Mainz die Bedeutung von Innovationen für den Medienstandort Mainz heraus. Richard Patzke, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer für Rheinhessen unterstrich dies und betonte, dass sich durch die Digitalisierung die Innovationszyklen der Medienwirtschaft stark verkürzen. Das fordere eine neue strategische Ausrichtung der Unternehmen. Prof. Dr. Heinz-Werner Nienstedt ergänzte, dass es Mainz gelingen müsse, eine Start-up-Szene zu etablieren. Schließlich käme im Medienbereich heute ein großer Teil der Innovationen nicht direkt aus den Unternehmen selbst, sondern würde durch Start-ups von außen zugeliefert.

Talkrunde zu Perspektiven für den Medienstandort Mainz

Einen ähnlichen Ansatz verfolgte Valentina Kerst, die die Errichtung eines ZDF-SWR-Labs zur Vernetzung einer lebendigen Medienszene vorschlug. Die Arbeit des Labs, sofern sie wirkungsvoll kommuniziert werde, könnte eine Sogwirkung auf kreative Medienschaffende ausüben. Gerade diese Sogwirkung fehle dem Medienstandort Mainz zurzeit, gab Daniel Beißmann von der TV-Produktion Autorenkombinat Mainz zu bedenken. Der Standort würde insbesondere von jungen Kreativen, trotz der hier ansässigen, großen Medienhäuser, noch nicht als attraktiv wahrgenommen. Dazu brauche es ein bedeutendes Alleinstellungs- merkmal, das derzeit noch nicht gegeben sei, ergänzte Wolfgang Apel vom Produktionsmanagement Programmdirektion/neo, ZDF. Als besonders wichtig stufte er darüber hinaus den Aufbau eines prosperierenden Netzwerks mit Spezialisten aus unterschiedlichen Sparten (z.B. visuelle Effekte, IPTV und Web-TV) sowohl  aus dem In- als auch aus dem Ausland ein.

Auch die qualifizierte Ausbildung des Nachwuchses hat für die Diskutanten einen hohen Stellenwert. Zwar gebe es in Mainz eine Vielzahl Studierender in Medien-Studiengängen, jedoch beschäftigten sich die Studierenden zu stark wissenschaftlich mit den Medien, der Praxisbezug fehle oft, merkte Daniel Beißmann kritisch an. Er forderte die Hochschulen auf, die Praxis im Medienbereich zu fördern. Die Errichtung des Medienhauses sei hier ein Schritt, es sei jedoch auch wichtig, prominente Dozenten mit Sogwirkung nach Mainz zu berufen. Nach der Ausbildung müssen Anreize geschaffen werden, um die jungen Kreativen in der Region zu halten, betonte der Oberbürgermeister der Stadt Mainz, Michael Ebling, der ebenfalls die Stärke des Standortes Mainz in der Qualität und Gewichtung der Lehre und Ausbildung sieht.
Einigkeit bestand in der Feststellung, dass Mainz mit der Leitidee Gutenbergs eine gute Ausgangsposition und ein wegweisendes Ideal für den digitalen Wandel mitbringt. Die Entwicklung müsse allerdings konsequent und zielgerichtet weiter verfolgt werden.

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