Die Diskussionsergebnisse des Digital-Kongresses "rlp_vernetzt. Unternehmen im digitalen Umbruch" haben wir in der Ausgabe Nr. 37 der ZEHN.MINUTEN veröffentlicht. Im Rahmen des Kongresses konnten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einem von drei parallelen Panels anschließen. Lesen Sie hier die Zusammenfassungen.

Panel 1: Von der Automatisierung zur Industrie 4.0: Wegbegleiter für den Mittelstand

Industrie 4.0 - welche Veränderungen sich mit diesem Schlagwort verbinden, machten die Diskutanten des Panels zum Thema „Von der Automatisierung zur Industrie 4.0: Wegbegleiter für den Mittelstand“ deutlich. Industrie 4.0 bringt neue technologische Möglichkeiten mit sich und bietet Unternehmen die Chance, sich strategisch neu aufzustellen. „Industrie 4.0 ist ein guter Anlass, die eigenen Prozesse und Strukturen zu hinterfragen und bei Bedarf neu zu denken“, fasste Christian Weyer von der Crispy Mountain GmbH zusammen, einem jungen Softwareentwicklerteam, das Unternehmen bei der Analyse ihrer Prozesse und der anschließenden Digitalisierung unterstützt.

Prof. Dr.-Ing. Detlef Zühlke, Vorstandsvorsitzender der Technologie-Initiative SmartFactory KL e.V. arbeitet an der Umsetzung von Industrie 4.0 im Mittelstand. Der Begriff bedeutet für ihn eine Vision, aus der nun Produkte gemacht und Geld verdient werden soll. Hier setze die SmartFactory Kaiserslautern an: „Wir versuchen hier, das Schlagwort Industrie 4.0 mit Leben zu füllen und konkrete Produkte zu entwickeln. Im Verbund mit Partnern aus Industrie und Forschung arbeiten wir an neuen Konzepten, Standards und Lösungen, die die Grundlage für eine hochflexible Automatisierungstechnik bilden.“ Lokal gestartet, sei die SmartFactory-KL mittlerweile weltweit aktiv mit Partnern aus Industrie und Wissenschaft.

Kostendruck und das Bedürfnis nach Schnelligkeit seien für Unternehmen Treiber der Digitalisierung, stellte Dr. Markus Jostock, Leiter Informationstechnologie bei der AREND Prozessautomation GmbH, fest. Als Schnittstellenmanager begleite AREND Unternehmen bei der Umsetzung von Digitalisierung und Industrie 4.0 mit technologischer Beratung und effektiver Projektabwicklung. „Für unsere Kunden ist es wichtig, Service und Beratung aus einer Hand zu erhalten. Für uns bedeutet das wiederum Kooperation und Vernetzung mit anderen Anbietern“.

Für eine erfolgreiche Umsetzung sei die IT-Affinität –insbesondere der Unternehmensführung – entscheidend. Der Faktor ‚Mensch‘ spiele im digitalen Umbruch insgesamt eine wichtige Rolle. „Wenn der Chef es will, dann kommt es auch!“, unterstrich Jostock.  Wichtig sei, eine Strategie vorzugeben, das Thema ‚Digitalisierung‘ engagiert und innovativ vorzuleben und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf dem digitalen Weg mitzunehmen. Schließlich gehe es nicht darum, Einzelprojekte zu verwirklichen, sondern nachhaltige Prozesse zu implementieren.

Auch Christian Weyer betonte, dass vor der Prozessoptimierung immer der Mensch und dessen Mentalität stehe: „Wir machen unseren Kunden deutlich: ‚Ihr kauft keine Software, ihr kauft einen Prozess! Und den müsst ihr mitgehen und offen dafür sein‘. Das ist ein harter Weg, das muss allen klar sein. Industrie 4.0 ist kein einfaches Heilsversprechen“. Auch für Professor Zühlke gibt es keine einfachen Lösungen, die pauschal angewandt werden können. Jedes Unternehmen müsse entsprechend seiner Ausgangslage eigene Herangehensweisen finden. Wegen fehlender personeller Kapazitäten sei die Umsetzung der Digitalisierung insbesondere in kleinen Unternehmen schwierig: Für viele stehe das Alltagsgeschäft im Vordergrund und es fehlten Vordenker, die an der Vision Industrie 4.0 strategisch arbeiten. Um sich dieser Herausforderung zu nähern, verwies er auf die Hilfestellung für Unternehmen der Region durch das Mittelstand 4.0 Kompetenzzentrums Kaiserslautern, unter anderem auf den Readiness Check.

Auf dem Weg zu Industrie 4.0 und der Entwicklung digitaler Produkte und neuer Geschäftsmodelle können Startups wichtige Impulsgeber sein. Trotz der Bedeutung kreativer und innovativer Veränderungen dürfe das Know-How und Wissen etablierter Unternehmen aber nicht aus dem Blick geraten, so Christian Weyer. Aus eigener Erfahrung betonte er, dass sein Unternehmen nur aufgrund der guten Zusammenarbeit mit der Druckerei Wolf in Ingelheim, die ihre Expertise produktiv in den Entwicklungsprozess einbrachte, in der Lage gewesen sei, eine Software zur Digitalisierung der Druckerindustrie zu entwickeln.

Insgesamt waren sich die Diskutanten einig, dass das  Erfolgsgeheimnis einer gelungenen Digitalisierung und Industrie 4.0 darin liege, sich nicht im Klein-Klein zu verlieren und bloße Optimierung zu betreiben, sondern groß und neu zu denken, die eigenen Prozesse zu hinterfragen und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im angestoßenen Veränderungsprozess von Anfang an mitzunehmen.

 

Panel II Innovation durch Digitalisierung: schnell, agil, flexibel

Die Digitalisierung ist ein Innovationstreiber. Innovationszyklen werden kürzer, technologische Möglichkeiten vielfältiger. Was das für Unternehmen und ihre Kultur bedeutet, diskutierten Prof. Dr. Peter Liggesmeyer, Geschäftsführender Institutsleiter Fraunhofer IESE und Präsident der Gesellschaft für Informatik e.V., Erwin Becher, Vice President Cyber Security & Information Protection BASF Group, und Frank Hauber, Leiter Enterprise Channel Siemens Deutschland Building Technologies, im Panel „Innovation durch Digitalisierung: schnell, agil, flexibel“.

Auf die Frage, ob es sich bei der Digitalisierung um eine Evolution und Revolution handele, ließ Professor Liggesmeyer keinen Zweifel:  „Die Digitalisierung ist eine Evolution. Sie unterscheidet sich nicht von Entwicklungen vergangener Zeiten. Alles, was man kommen sieht, ist evolutionär. Das ist bei der Digitalisierung nicht anders. Allerdings werden viele Dinge – auch aus Marketinggründen – überhöht dargestellt.“ Laut Liggesmeyer bestehe bei der digitalen Transformation weniger ein Geschwindigkeitsproblem, sondern vielmehr das Problem, dass man zu viel Druck in die Entwicklung hineingebe. Unternehmen in Deutschland hätten die Herausforderungen eines Wandels schließlich schon mehrfach gemeistert. Aus seiner Sicht seien  die Unternehmen gut aufgestellt und müssten sich keine Angst machen lassen.  

Dass es im digitalen Zeitalter einer zunehmenden Agilität und Flexibilität bedürfe, um innovativ zu sein, darin waren sich die Referenten einig. Dieser Wandel gehe mit einem neuen Denken im Unternehmen einher. „Die oftmals schwerfälligen Strukturen traditioneller Unternehmen müssen aufgebrochen werden. Das ist keine leichte Aufgabe. Was auch daran liegt, dass der im digitalen Zeitalter geforderten Agilität oftmals der Perfektionismus der deutschen Ingenieurskunst entgegensteht,“ so Frank Hauber, Leiter Enterprise Channel Siemens Deutschland Building Technologies. Es bedürfe einer gelebten „Innovationskultur“, um mit der schnelllebigen Zeit der Digitalisierung mitzuhalten. Das bedeute auch, dass Mitarbeiter Fehler machen und innovative Projekte auch mal scheitern dürfen. Zugleich müssten Unternehmen wissen, dass Mitarbeiter nicht alles können – und dass klassische und agile Bereiche im Unternehmen für eine gewisse Zeit auch nebeneinander existieren können. Flexibilität bedürfe es aber nicht nur nach innen, sondern vor dem Hintergrund der immer kürzer werdenden Innovationszyklen auch im Umgang mit Lieferanten, Partnern und Wettbewerbern, so Hauber. Auf Kundenwünsche müsse im Wochen- und Tagesrhythmus reagiert werden. Den Austausch mit dem Kunden erachte er als besonders wichtig, um kreative Potenziale auszuschöpfen und auf dieser Basis neue Produkte oder Geschäftsmodelle zu entwickeln. ‚Cocreation‘ sei in diesem Kontext für Unternehmen ein Innovationstreiber.

Erwin Becher, Vice President Cyber Security & Information Protection BASF Group, betonte die Chancen der Digitalisierung über die gesamte Wertschöpfungskette. Sie biete nicht nur einen Mehrwert für Kunden. Dank ‚predictive maintenance‘, also „vorausschauender Wartung“und ‚Augmented Reality‘ können auch Prozesse innerhalb der Betriebe effektiver und sicherer gestaltet werden. Digitale Lösungen tragen außerdem zur Optimierung von Forschung und Entwicklung bei – zum Beispiel durch den Einsatz sogenannter Supercomputer. Entlang der Wertschöpfungskette sei die Anwendung digitaler Lösungen und deren Vernetzung entscheidend. Kunden, Lieferanten und auch Mitarbeiter der BASF brauchten Lösungen, die miteinander kommunizieren, so dass ein vernetztes und mobiles Arbeiten möglich ist. Change Management sei auch von großer Bedeutung, um Sorgen vor dem „Arbeiten 4.0“ zu nehmen. „Es kommt auch im Zeitalter der Digitalisierung  auf den Menschen an – vor allem in unvorhersehbaren Situationen und bei kreativen Arbeiten“, so Becher. Deshalb sei es essentiell, jeden Mitarbeiter auf dem Weg der Digitalisierung mitzunehmen. Weiterbildung und Change Management werde in diesem Kontext zu einer entscheidenden Komponente.

Eine große Herausforderung sehen die Experten im Umgang mit großen Datenmengen. In diesem Kontext spielen „Security“ und „Safety“ eine wichtige Rolle. „Wenn eine neue digitale Lösung umgesetzt wird, muss im Unternehmen immer und frühzeitig geprüft werden, wie eine umfassende Sicherheit der Daten gewährleistet werden kann,“ betonte Becher. Als besondere Herausforderung erachtet Professor Liggesmeyer, den Spagat zwischen perfekter Privacy und der Preisgabe sämtlicher Daten optimal zu gestalten. Beide Extreme seien im Zeitalter der Digitalisierung nicht mehr zu garantieren, eine Lösung in der Mitte müsse angestrebt werden. Eine Datennutzungskontrolle könnte dabei helfen – abgestimmt auf die jeweilige Situation und mit entsprechender Zweckbindung. Sie bietet Unternehmen die Möglichkeit, Daten zu schützen und deren Verwendung zu kontrollieren.

 

Panel III: Wirtschaft und Verwaltung - Partner im digitalen Wandel

Für die Zusammenarbeit von Wirtschaft und Verwaltung bietet die digitale Vernetzung große Chancen. Heike Raab, Bevollmächtigte des Landes Rheinland-Pfalz beim Bund und für Europa, für Medien und Digitales, sieht eine wichtige Aufgabe für Politik, Kammern und Verbände, die  Verwaltungsprozesse zu vereinfachen, Synergien zu nutzen und die dafür notwendigen Strukturen zu verändern. „Betrachten wir zum Beispiel das Thema E-Government in der Fläche, im ländlichen Raum. Für viele Menschen ein sehr abstrakt scheinendes Thema, von dem jedoch ganz praktisch Bürger und vor allem die Wirtschaft profitieren. Digitale Verwaltung gewinnt insbesondere im ländlichen Raum an Bedeutung angesichts der Entfernungen zu den Behörden und vor dem Hintergrund, dass viele Menschen als Berufspendler oft weit entfernt vom Wohnort tätig sind,“ so die Staatssekretärin.  Wichtig sei es in diesem Kontext, den elektronischen Personalausweis, die E-ID, zu fördern. Dieser vereinfache viele Abläufe, allerdings seien nur wenige Bürger im Besitz der E-ID. 

Länderübergreifende Umsetzungen und die dafür notwendigen Standardisierungen im Digitalisierungsprozess seien im föderalen System der Bundesrepublik eine Herausforderung. Darauf verwies Staatssekretärin Raab: Bund, Länder und Kommunen benutzten jeweils unterschiedliche IT-Systeme mit unterschiedlichen Datensätzen, was zu einer Fragmentierung führen könne.  Daher sei eine der großen Aufgaben, einheitliche Systeme zu schaffen, bevor über zentralistische Aufgabenverteilung, Abbau von Bürokratie und E-Government gesprochen werden könne. Die Metropolregion Rhein-Neckar habe gezeigt, dass es möglich sei, auch über Landesgrenzen hinaus diese Hürde zu meistern.

Wie der automatische Datenaustausch zwischen Unternehmen und öffentlichen Behörden funktionieren und so ressourcenschonender und effizienter gearbeitet werden kann, zeigen verschiedene Projekte in der Region. Marco Brunzel, Leiter der Stabsstelle Digitale Modellregion Metropolregion Rhein-Neckar, hob hervor, dass die Metropolregion über eine deutschlandweit einzigartige Struktur und Governance der Verwaltungszusammenarbeit verfüge – und zwar sowohl bei der Zusammenarbeit über Verwaltungsebenen und -grenzen hinweg, als auch in Bezug auf die Zusammenarbeit von Wirtschaft und Verwaltung.  „Aufbauend auf zehn Jahren erfolgreicher Regionalentwicklung will die Metropolregion die etablierten und bewährten Strukturen künftig für die Bewältigung neuer Herausforderungen nutzen und die Adaption auf andere Regionen und Länder vorantreiben.“ Wenn Projekte über drei Bundesländer und drei föderale Ebenen (Bund, Länder, Gemeinden) hinweg in der Metropolregion funktionieren, dann bestehe eine  hohe Wahrscheinlichkeit, dass sich entsprechende Lösungen auch deutschlandweit umsetzen ließen. „Wir haben in der Metropolregion Rhein-Neckar allerdings gemerkt, dass manche Gesetzgebungen ein aufgabenorientiertes Verwaltungsmodell nicht zulassen. Um Kommunikation zu Behörden zu erleichtern, müssten insbesondere Zugriffe auf Daten geregelt und möglicherweise das Grundgesetz überarbeitet werden“, so Brunzel.

Dr. Tibor Müller, Leiter Innovation, Umwelt und Energie der IHK Pfalz, betonte die Notwendigkeit, die  Verwaltungsprozesse stets auch aus Sicht der Unternehmen zu beleuchten.  „Unternehmen wollen schlanke Prozesse mit möglichst wenig Bürokratie“. Schnittstellen zwischen Unternehmen und Behörden müssten vereinheitlicht und komplexe Verfahren standartisiert werden. Voraussetzung dafür sei es, alle Prozesse zu hinterfragen und auf Praktikabilität  zu prüfen, um diese anschließend zu digitalisieren. „Prozesse, die veraltet sind, müssen neu strukturiert werden, bevor sie endgültig digitalisiert werden. Ein Prozess, der nicht lösungsorientiert arbeitet und zu komplex gestaltet ist, darf nicht ungesehen digitalisiert werden“, so Tibor Müller. 

Datenschutz und Datensicherheit bleibe für ihn ein zentrales Thema im Dialog zwischen Wirtschaft und Verwaltung.  Zum Datenabgleich mit öffentlichen Behörden sei nicht jedes Unternehmen per se bereit, da es sich um sehr sensible Daten handelt,  gab Tibor Müller zu bedenken. Hier stehe stets die Frage im Raum, wer mit welchen Daten vernetzt  werde und wer auf die Daten zugreifen könne. Was für Unternehmensdaten gilt, gelte ebenso für die Daten von Bürgerinnen und Bürgern in der öffentlichen Verwaltung. „Die sensibelsten Daten der Bürger liegen bei Behörden. Deswegen müssen digitalisierte Behörden- und Verwaltungsprozesse vor allem sicher, einfach bedienbar und mobil nutzbar sein“, bekräftigte Raab. Jede und jeder Einzelne müssen für den Umgang mit Daten sensibilisiert werden. Der Umgang mit Daten müsse deshalb zentrales Thema von Beratung und Mitarbeiterschulungen sein.

Und welche Rolle spielen bei diesem Prozess die Kommunen? Für Marco Brunzel ist die entscheidende Frage: „Definiert sich eine Kommune über eine KFZ-Zulassungsstelle oder definiert sich eine Kommune über aufgewertete Marktplätze, intelligente Mobilitätskonzepte und Lebensqualität?“. Zuständigkeiten müssten abgegeben, alte Strukturen verlassen werden. Rationalisierung oder Strukturveränderung seien aber nicht mit Arbeitsplatzabbau gleichzusetzen. „Der kürzeste Weg zum Rathaus ist das Smartphone. Das sollte in der Verwaltung verankert werden.“ Und Staatssekretärin Raab betonte: „Für den Mittelstand trägt eine digitale Verwaltung zur Entbürokratisierung und Beschleunigung von Verfahren bei, wenn umständliche Amtswege und lange Wartezeiten vermieden werden können. Aber auch für die Verwaltung und künftige Modernisierungsprozesse entstehen Vorteile.“